Eine Rechtsextreme Demo und eine Nacht im Polizeianhaltezentrum

Am Samstag dem 17. Mai fand in Wien die erste Demonstration der „Identitären Bewegung Österreich“ statt – und gleichzeitig auch Gegendemonstrationen. Die Identitären sind eine recht junge Bewegung, die ursprünglich aus Frankreich stammt und die es seit etwa Herbst 2012 auch in Österreich gibt. Ideologisch sind sie irgendwo zwischen der Neuen Rechten und Rechtsextremismus zu verorten.

Zu der Demonstration unter dem Motto „Unser Europa ist nicht ihre Union“ mobilisierten die Identitären nicht nur in Österreich, sondern auch Angehörige der IB aus anderen europäischen Ländern wie Italien, Frankreich und Deutschland. Auch einige offen neonazistische Seiten riefen zur Beteiligung an der gestrigen Demo auf.

Die Polizei bewies gestern, wie schon zuvor bei den Protesten gegen den Akademikerball 2014, erneut höchst unprofessionelles Vorgehen. Es kam zu massiven polizeilichen Übergriffen auf teilweise völlig willkürlich ausgewählte Personen.

Im Folgenden möchten wir einen Aktivisten der SJ Hernals zu Wort kommen lassen, der an der gestrigen Gegendemonstration teilgenommen hat und die Nacht schließlich im Polizeianhaltezentrum verbringen musste:

 x x x x x

Ein Erlebnisbericht

„Den Rechten die Zähne zeigen!“ – unter diesem Motto ging ich am Samstag dem 17.5. zur Gegendemonstration, die unser Unverständnis mit dem Aufmarsch der rechtsextremen Identitärenbewegung zum Ausdruck bringen sollte. Nun, der Zugang zur Mariahilferstraße blieb den rechtskonservativen bis rechtsextremen Jugendlichen durch ein langsames Vorrücken der Demo verwehrt, wodurch sie, von der Polizei geschützt, auf eine kleine Nebenstraße ausweichen durften. Auf der Mariahilferstraße fielen derweil mehrere PassantInnen mit faschistischen Sprüchen und Hitlergrüßen auf, die von der Polizei jedoch schlicht ignoriert wurden. Ein düsteres Vorzeichen für die Ereignisse, die der Nachmittag für uns bereit hielt.

Nachdem die linke Demo beim Museumsquartier aufgelöst wurde stürmten Polizei und DemonstrantInnen gleichermaßen zum Volkstheater, wo sich kurz darauf der identitäre Block einfand. Schon dort begann die Polizei Kessel zu bilden und trennte so die beiden Gruppen. Videoaufnahmen von Vice zeigen, wie die Polizei den Rechtsextremen trotz Eingeständnis des Kontrollverlusts über die Situation mehr Zeit für ihre Kundgebung einräumt.

Zu diesem Zeitpunkt entfernte ich mich mit einem Freund um den sich abzuzeichnenden Zusammenstößen zu entgehen und machte mich auf den Heimweg. Wir warteten bei einer Straßenbahnstation in der Josefstädterstraße mit einer Gruppe FreundInnen, die wir auf dem Weg getroffen hatten, als plötzlich das Chaos losbrach. Die Polizei kam auf uns zu, nahm uns auf die Seite. Willkürlich ausgewählt ließ sie dann einen Teil unserer FreundInnen gehen und hielt uns sechs Übriggebliebenen zusammen mit anderen Leuten fest.

Uns wurde derweilen mitgeteilt, dass wir verhaftet seien, aufgrund der „Sprengung einer Demo von innen“, einem Delikt von dem wir bis jetzt noch nie gehört hatten. Diese Information stellte sich jedoch bei der Aufnahme der Personendaten als falsch heraus, wo mir der zuständige Beamte – wohlgemerkt nur auf mein ausdrückliches Nachfragen hin – mitteilte, wir seien doch wegen einem anderen Delikt verhaftet.

Dann begann das wahre Martyrium.

Um ca. 16:30 wurden wir mit Häftlingstransportern ins Polizeianhaltezentrum Rossauer Lände verfrachtet, wo lange Stunden Haft auf uns warteten. Ich selbst hatte dabei Glück im Unglück, da ich wegen Überlastung der Anlage zusammen mit fünf anderen in eine Gemeinschaftszelle gesperrt wurde. Die restlichen Leute mussten bis zu ihrer Entlassung in Einzelzellen ausharren.

Sämtliche Zeitangaben die nun folgen konnten nur per Gegensprechanlage von den WachbeamtInnen erfragt werden, da uns sämtliche Uhren abgenommen wurden und auch keine in unserer Zelle hing. Schleppend langsam begann der Einvernehmungsprozess, der in meiner Zelle um etwa 23:30 begann. Nach und nach leerte sich der Raum und mein Freund sagte noch zu mir:

„Egal wen sie von uns rauslassen, entweder ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dich zurücklassen muss, oder ich muss hier alleine warten.“

Lose-Lose. Zehn Minuten später nahmen sie ihn mit und ließen mich zurück. Um 4:10 erfuhr ich endlich, dass ich die Nacht hier verbringen müsste. Mittlerweile komplett desillusioniert, warf ich mich herum, bis ich endlich einschlief.

Am nächsten Morgen bekam ich nach sechzehn Stunden Polizeigewahrsam meine erste Mahlzeit und wurde dann kommentarlos in eine Einzelzelle verlegt. Mit rasendem Hirn ließ man mich völlig uninformiert eine weitere Stunde warten – und versucht gar nicht erst euch vorzustellen, wie sich eine Stunde in einem etwa 9m² großem Zimmer mit vergittertem Fenster anfühlt – bis man mich schließlich zur Einvernahme brachte und endlich, als letzten Demonstranten, entließ. Vor dem PAZ empfang mich eine Gruppe tapfer ausharrender AntifaschistInnen, deren herzliche Begrüßung die Schrecken des letzten Tages etwas linderte.

 

 

 

veröffentlicht am 18. Mai 2014

Ein Gedanke zu „Eine Rechtsextreme Demo und eine Nacht im Polizeianhaltezentrum

  1. Pingback: Polizeigewalt gegen Antifa-Demo: KZ-Verband fordert Aufklärung und Abberufung der Verantwortlichen | KZ Verband Wien